Skandalöser Kulturvertrag: Ausstellung im Iran verbotener Kunstwerke in Berlin

Im August 2015 wurde mitgeteilt, dass unter der Schirmherrschaft des Bundesaußenministers Frank Walter Steinmeier (SPD) ein Konzert der Berliner Staatskapelle unter dem Dirigenten Daniel Barenboim in Teheran stattfinden solle. Ali Jannati, Kulturminister im Kabinett Hassan Rouhanis, jedoch untersagte das Konzert des israelisch-palistinensisch-argentischen Barenboim. Das Kulturministerium begründete sein Auftrittsverbot damit, dass es Israel nicht anerkenne und nicht mit Künstlern “des zionistischen Regimes” zusammenarbeite.

Ungeachtet dessen hat Steinmeier im Sinne “eines besseren kulturellen Austausches” mit dem Iran den Stellvertretenden Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Günther Schauerte mit auf seine Iran-Reise genommen (17.-18. Oktober). Auf Vermittlung Steinmeiers unterzeichnete Schauerte mit den Kultur-Zensoren Irans einen beschämenden Vertrag über eine in Berlin beginnende Wanderausstellung der 1979 von den Mullahs geraubten und seither im Verborgenen gehaltenen Sammlung moderner Kunst Farah Dibas. Die Anzahl der Werke wird auf über 1000 Werke geschätzt. Im Iran wurden diese westlichen Exponate seit dreieinhalb Jahrzehnten nicht gezeigt. Sie sind verboten, da sie der propagierten Einheit von Islam und Kunst widersprächen.

Ungeachtet dessen, dass im Iran eine systematische Zensur von Kunst, Filmen, Literatur, Musik, Internet und Fernsehen stattfindet und Künstler verfolgt, bestraft und grausam ermordet werden (um nur einige zu nennen: Atna Farghdani, Fatemeh Ekhtesari, Mehdi Mousawi, Kayvan Karimi, Said Soltanpour ) und auch im Exil in Deutschland lebende Künstler wie Shahin Najafi mit Todes-Fatwen bedroht oder wie Fereeydoun Farokhzad in Bonn terrorisiert werden, bejubelte Schauerte den Coup. Er sagte, im Iran sei man sich sehr wohl bewusst, welche Werke das “Tafelsilber” der Sammlung seien. Auf seiner Wunschliste stünde aber insbesondere “das Modell des verhüllten (!) Reichstags von Christo und Jeanne-Claude von 1972. „Das schlägt eine direkte Verbindung zwischen Teheran und Berlin.

christowerk steinmeier

Nach Informationen des Iraniansforum soll die Ausstellung in Berlin Ende 2016 oder Anfang 2017 stattfinden. Dabei sollen lediglich 30 Werke der Sammlung Farah Dibas und eine gleiche Menge von Arbeiten iranischer Künstler gezeigt werden. Die Präsentation dieser ausgesprochen geringen Anzahl von insgesamt 60 Kunstwerken zeigt, dass es Deutschland bloß darum geht, für das kunstfeindliche iranische Regime Imagepflege zu betreiben. Die deutsche Öffentlichkeit wurde bisher nicht darüber informiert, dass die Sammlung den Iranern strikt vorenthalten wird.

Steinmeier sagte den Tatsachen völlig widersprechend: „Gerade in Zeiten schwieriger diplomatischer Fragen brauchen wir die Diplomatie der Kultur umso dringender. (…) Es wird helfen, unser Bild vom Iran zu ergänzen, und umgekehrt auch dem Iran einen besseren Zugang zu unserer Kultur zu ermöglichen.” Berliner Morgenpost 22.10.

Der Vertrag wurde am 17.10. im Beisein Steinmeiers und Ali Moradkhanis, dem Vizeminister für „Islamische Kultur und Aufklärung“ zwischen Schauerte und Majid Moullanourouzi, dem Generaldirektor des Teheraner Museums of Contemporary Art (TmoCA) unterzeichnet.

emzaaye ghardad-1

Moradkhani war zuvor im Kulturministerium (2012) unter anderem für die Zensur von Filmen, Fotos, Musik, dem Radio und Fernsehen der Islamischen Republik verantwortlich. Zudem war er für die Kulturpolitik des Pilger-Tourismus zu heiligen Städten im Iran und in der Region zuständig, die im Rahmen der terroristischen Expansionspolitik durch das Regime massiv gefördert wird. Nun fungiert er als Koordinator der Kultur-Diplomatie-Projekte Rouhanis in Deutschland und Europa. Er propagierte vor der Iran-Reise Steinmeiers: „Iran braucht dringend Kultur-Diplomatie“, 6. Oktober 2015, MEHRNEWS. Im folgenden Bild auf der rechten Seite.

mollanourouzi moradkhani

Mollanourouzi (Links im Bild) wurde unter Rouhani Direktor of Visual Arts im Kulturministerium und 2014 als Direktor des Teheraner Museums von Ali Moradkhani bestellt. Er war außerdem zwei Jahrzehnte als Zensor unter anderem für Kinderbücher zuständig. Darüber hinaus war er Leiter der Kultur-Organisation der Bürgermeister der Stadt Teheran (Mahmoud Ahmadinejad und der Revolutionsgardisten Mohammad Bagher Galibaf), sowie Presseleiter für internationale Öffentlichkeitsarbeit für das Grabmal Khomeinis und Stellvertretender Direktor der Organisation „Tourismus Kish- Free Zone“, wo kriminelle Schwarzgeschäfte der Revolutionsgarden und von Regime-Banden betrieben werden. Mollanorouzi soll laut Angaben des kritischen Künstlers Afshin Parvaresh in den umfassenden Kunstraub im Teheraner Museum verwickelt sein.

Nach der islamischen Revolution sind von den Machthabern unzählige Kulturschätze aus Museen gestohlen worden und im Ausland schwarz verkauft oder in zur Lagerung von Kunst völlig ungeeigneten Kellern und Lagerhallen deponiert worden. Dazu gehört auch die von 1970 bis 1977 angeschaffte Sammlung Farah Dibas. Obwohl die Pop Art überrepräsentiert zu sein scheint, kann man aufgrund einiger veröffentlichter Namen von Künstlern, davon ausgehen, dass es sich um eine hochkarätige Sammlung westlicher Moderne handelt. Es liegt jedoch keine vollständige Auflistung der Werke vor, weder die genaue Anzahl der Werke noch die (bis auf Ausnahmen) vertretenen Künstler und deren Exponate sind bekannt. So wenig wie die im Laufe der Jahre durch die mächtigen religiösen Stiftungen wie ASTAN-e GHODS-e RAZAWI und BONYAD MOSTAZAFAN aus dem Besitz von Kunstliebhabern und Regimegegnern beschlagnahmten und dann zu Geld gemachten oder zerstörten Schätze.

Experten beklagen, dass die Führungskräfte der Organisation für Kulturgüter, das Ministerium für Islamische Kultur und Aufklärung, das iranische Außenministerium und die Verantwortlichen des Teheraner Museums an diesen Kunstrauben beteiligt sind. Viele historische Werke in iranischen Museen sind leicht erkennbare Kopien, über den Verbleib der Originale sind bis heute keine offiziellen Informationen vorhanden. Neulich wurde eine Fälschung durch den iranischen Künstler „Bahman Mohasses“ bei einer Versteigerung des Auktionshauses Christies aufgedeckt. Ohne die Genehmigung durch staatliche Organe wäre eine Veräußerung des gefälschten Bildes nicht möglich gewesen.

Tatsächlich werden im Iran auch dem Regime genehme ausländischer Künstler präsentiert. So wurden Anfang 2015 Werke des 2014 verstorbenen deutschen Künstler Otto Pienes, Mitbegründer der Künstlergruppe ZERO, in Räumlichkeiten des TMOCA ausgestellt, während in dessen Keller Schätze moderner westlicher Kunst jahrzehntelang unsichtbar für die Öffentlichkeit versteckt wurden. Der einstige Avantgardist Piene hatte dem Teheraner Museum sechs seiner Werke aus der esoterisch anmutenden Reihe „Rainbow“ geschenkt. Und die Galerie Dafineh in Teheran stellte vom 5. bis zum 19. Oktober zum ersten mal einige Bilder aus dem Besitz der Stiftung Bonyad Mostazafin der paramilitärischen Bassijis aus. Unter anderem wurden zwei von Adolf Hitlers Aquarellen präsentiert. Für diese Ausstellung warb das iranische Kulturministerium, ausgerechnet während Steinmeiers diesjähriger Iran-Reise.

naghashi hitler

otto pieneh

Das Regime bemüht sich seit 37 Jahren intensiv, nicht nur durch die nachdrückliche Islamisierung der iranischen Kultur darum, die Entwicklung moderner Kultur und Kunst zu verhindern, sondern auch darum, die nicht-islamischen persischen und andere Elemente im Land vorhandener Kunstformen sowie jegliche Spuren humanistischer Zivilisation und deren Potentiale zu verdrängen oder zu vernichten. Es ist beispielsweise Frauen verboten, solo zu singen. Der iranische Kulturminister Ali Jannati sagte: „Da wir in einem sehr religiösen Land leben und die Gefühle der Gottesfürchtigen nicht verletzen wollen, haben wir keine Erlaubnis dafür gegeben, dass Frauen vor Männern singen.“

Zuletzt hat das Kulturministerium den Schauspielerinnen Sadaf Taherian und Chakameh Chaman Panah aufgrund veröffentlichter Fotos, auf denen sie ohne Kopftuch zu sehen sind, die jegliche künstlerische Aktivitäten verboten.

Ungeachtet dessen und dessen, dass im Iran unter dem islamistischen Regime Kunstwerke verbrannt und vernichtet werden, argumentierte der Präsident der Stiftung preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger: „Während anderswo im Nahen Osten Bilder zerstört werden, holt man sie dort aus dem Keller. Das unterstreicht die zivilisatorische, völkerverbindende Kraft der Kunst. Wir wollen mit dieser Ausstellung auch ganz bewusst die Zivilgesellschaft des Iran stärken. (…) Die Nationalgalerie arbeitet erst seit Anfang dieses Jahres enger mit dem Teheraner Museum zusammen. Dass es ihr gelungen ist, anderen Museen in Deutschland aber auch in Europa, die ebenfalls an der Ausstellung interessiert waren, zuvorzukommen, ist ein diplomatischer Coup und ein Gewinn für den Kunstaustausch.“

Natürlich spricht im Prinzip nichts gegen eine progressive kulturelle Zusammenarbeit und auch nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Künstlern aus dem Iran. Die Realität ist jedoch, dass das Regime mit seiner „Kultur-Diplomatie“ eine politische Mission verfolgt. Es werden für die Bevölkerung im Iran unzugängliche Kunstwerke in Deutschland ausgestellt. Darüber hinaus gibt es für eine Teilnahme der iranischen Künstler an der Ausstellung strikte ideologische Ausschlusskriterien.

„Unser Führer hat 2014 zum Jahr der Kultur ausgerufen. Wir wollen eine kulturelle Brücke aufschlagen, um das Bild des Landes richtigzustellen“, sagte Mollanourouzi der FAZ „Wir möchten Künste öffnen, zu denen man seit 35 Jahren keinen Zugang hatte.“

“Alle Künstler sind repräsentativ für die Revolution, die sich unter dem Dach des Ministeriums für Islamische Kultur und Aufklärung der Islamischen Republik umfassend verpflichten. (…) Wir trennen die bildende Kunst nicht von dem islamischen System. Diejenigen, die die islamische Regierung und den Staat nicht akzeptieren, gehören nicht unter uns. Ihnen dürfen keine Hilfe und Möglichkeiten gewährt werden. (…) Anti-religiöse Künstler und Frauen ohne Hijab (Verschleierung) nehmen wir nicht zu der 56. Biennale in Venedig mit. (…) Wir berücksichtigen die bildende Kunst auch in unseren politischen Beziehungen. Das Spektrum der islamischen Kultur und der Politik der Islamischen Republik Iran hat sich heute erfolgreich durchgesetzt. Wir sprechen jetzt von einem islamischen Erwachen in der bildenden Kunst in der Region.“ Mollanourouzi, Mai 2015, Presseagentur Mehr.

Welche finanziellen Zusagen für den gewünschten Kulturtransfer aus Teheran gemacht wurden, wollte Schauerte nicht offenlegen. Fest steht, dass die iranischen Museumsfunktionäre schon eine ganze Weile nach finanzkräftigen Partnerinstitutionen im Westen suchen und sich die Ausleihe von Pollock, Bacon und Co auch entsprechend bezahlen lassen wollen. Zuletzt hatte TMoCA-Direktor Majid Mollanoroozi mit dem Frankfurter Museumsdirektor Max Hollein über eine Museumstour verhandelt und eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet. Diese Pläne scheinen vor dem Hintergrund der Berliner Offensive nun hinfällig.”

Darüber hinaus hat das iranische Kulturministerium mitgeteilt, dass Deutschland für die Restauration der Werke aus dem Teheraner Museum und die Schulung von dessen Personal zur Aufarbeitung der Kunstwerke beitragen will. Außerdem sollen von den Erlösen aus dem Verkauf von Eintrittskarten angeblich neue Werke für das Museum angeschafft sowie dessen Ausleuchtung und Infrastruktur verbessert werden. Laut offiziellen Angaben gibt aber das Regime trotz der Sanktionen jährlich bis zu 20 Milliarden Dollar für seine Kriegspolitik in Syrien und in der Region aus.

Die iranische Bevölkerung und die iranischen Künstler kämpfen für Menschenrechte und Freiheit, damit alle Kunstwerke – auch solche aus dem Westen – frei im Iran ausgestellt werden können. Rouhani versteckt sich hinter dem Atomdeal und der Kultur-Diplomatie mit Deutschland und benutzt sie als eine Gelegenheit, die Verletzungen der Menschenrechte und die Hinrichtungen zu intensivieren. Unter Rouhani hat sich die Anzahl der Hinrichtungen verdreifacht. Der Hinrichtungspräsident will mit der Propaganda für die publikumswirksame Ausstellung moderner Kunst Farah Dibas in Berlin den Weg für seinen Deutschland-Besuch ebnen.

Die Bundesregierung und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind verpflichtet, die geplante Ausstellung von der Freiheit der Kunst und iranischen Künstler, der Einhaltung der universellen Menschenrechte und der sofortigen Einstellung der Hinrichtungen im Iran abhängig zu machen.

 

Iranische Künstler im Haft und unter dem Folter: Mehdi Mousawi, Fatemeh Ekhtesari, Kayvan Karimi, Atna Farghdani