Iran-Protest in München: Im Namen der Freiheit für „eine Nation, eine Flagge, einen Führer“
Nationalistische Parolen, Pahlavi-Kult und das Untergraben der „Jin, Jiyan, Azadi“-Bewegung – Frauen und nationale Minderheiten in München
Reza Pahlavis Rolle bei der Münchener Sicherheitskonferenz 2026
Trotz der Vorankündigungen von Bild, Iran International und Manoto über eine offizielle Einladung zur Münchener Sicherheitskonferenz 2026, bei der die eigentlichen politischen Spitzen – von Emmanuel Macron bis zum deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz – vertreten waren, erhielt Reza Pahlavi keinen Zugang zum Hauptsaal.
Stattdessen wurde er in einen Nebenschauplatz, die „Komödie“ im Bayerischen Hof, ausgelagert, um dort eine Randveranstaltung mit Nazanin Boniadi und Christiane Amanpour (CNN) zu bestreiten.
Bemerkenswert ist zudem: In den zentralen Panels zur Iran-Politik, an denen Vertreter:innen der USA, Europas und der Staaten der Region teilnahmen, spielte Pahlavi keine Rolle und blieb vollständig außen vor. Seine einzige bekannte Begegnung war ein Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky, der erfahrungsgemäß nahezu alle internationalen Politiker:innen traf.
Reza Pahlavi vor der Presse und in Fragerunden
Am Freitag in der Fragerunde und am Samstag vor der Presse verbreitete Reza Pahlavi vor allem Unwahrheiten und allgemeine Floskeln. Auf die Frage, warum er keine politische Öffnung vorantreibe und keine Koalition mit anderen politischen Strömungen im Iran eingehe, antwortete er in scharfem Ton: „Hat das Volk denn den Namen von jemand anderem gerufen? Die Menschen rufen nach mir.“
Reza Pahlavi antwortete laut Berichten in sozialen Medien auf die Frage des BBC-Journalisten Kasra Naji, warum er behaupte, dass das gesamte Volk hinter ihm stehe: „Ich habe das gesamte Volk versammelt. Diejenigen, die nicht hier sind, sind entweder Terroristen, Mojahedin oder Separatisten.“
Diese Haltung blendet die Vielfalt politischer Positionen in der iranischen Gesellschaft aus und wertet sie ab. Gleichzeitig wirkt sie wie ein Versuch, Gegner:innen des Monarchismus zum Schweigen zu bringen und sich selbst als führende Figur der Opposition durchzusetzen. In dieser Sicht erscheint die iranische Opposition nicht plural und vielfältig, sondern geschlossen hinter den Pahlavis stehend.
Am Samstag sagte er in seiner Rede vor der Demonstration in München: „Wir sind große Nation, wir werden den Iran zurückgewinnen.“ Außerdem rief er: „Dies ist der letzte Kampf!“ Nach einer kurzen Pause antwortete das Publikum: „Pahlavi kehrt zurück!“
Inszenierung der Kundgebung
Am Rande der MSC inszenierte Pahlavi gemeinsam mit seinen Unterstützer:innen eine Kundgebung unter dem Banner einer sogenannten „nationalen Revolution“. Ziel war es, seinen Anspruch auf die Führung des „nationalen Aufstands“ zu symbolisieren und diese für die Beeinflussung der USA- und europäischen Regierungen zu nutzen.
Die Organisatoren der Kundgebung @munichcircle kündigten zuvor an: „Separatistische Symbole, Flaggen und Slogans haben bei der Kundgebung in München keinen Platz. Bitte nehmen Sie an dieser Kundgebung mit der Nationalflagge, der dreifarbigen Löwe-und-Sonne-Flagge (Shir-o-Khorshid) sowie mit nationalen und patriotischen Symbolen teil.“
Die Veranstaltung wirkte jedoch weniger wie eine Freiheitsbewegung, sondern mehr wie ein monarchistischer Personenkult. Hinter den großspurigen Worten von „Einheit“ und „Nation“ zeigte sich ein autoritär-nationalistisches Bild – finanziert mit Geldern und getragen von Symbolik, die an vergangene Machtphantasien erinnert.
Die Organisator:innen hatten offenbar nicht vorgesehen, dass die Teilnehmer:innen Parolen für universelle Menschenrechte, die Freiheit politischer Gefangener, die Rechte von Frauen und Minderheiten oder für ein Bündnis mit andersdenkenden demokratischen Oppositionsgruppen rufen. Einzelne Teilnehmer:innen hielten jedoch vereinzelt Plakate mit Aufschriften wie „Freiheit für politische Gefangene“ oder zeigten Bilder von Angehörigen und Bekannten, die bei der Demonstration im Januar 2026 getötet worden waren. Für die „Jin, Jiyan, Azadi“-Bewegung waren derartige Ausdrucksformen ebenfalls kaum Teil der geplanten Kundgebung. Dabei sind es gerade diese Gruppen, die den Großteil der staatlichen Gewalt im Iran ertragen müssen.
Keine offizielle Einladung, Teilnehmer:innen und Einfluss
Laut Berichten nahmen rund 250.000 Menschen aus ganz Europa teil. Die Kundgebung war das Ergebnis jahrelanger, gezielter PR-Kampagnen von Iran International, Man o To und auch in Deutschland durch die Bild-Zeitung sowie ausländischer Unterstützung.
Schließlich zeigt sich die internationale Dimension der Exil-Mobilisierung: Am 15.02.2026 traf sich Armin Laschet, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, mit Reza Pahlavi. In einem öffentlichen Tweet würdigte er die Demonstration von 250.000 Menschen in München und bezeichnete Pahlavi als Ideengeber für einen demokratischen Übergang – eine gewisse diplomatische Aufwertung, jedoch keine offizielle Anerkennung als politische Alternative.
Zugleich könnte Reza Pahlavi von der Schwäche der demokratischen republikanischen Kräfte im Exil profitieren, denen es bislang nicht gelungen ist, eine glaubwürdige politische Alternative – einschließlich mit der Jin Jiyan Azadi-Bewegung und den nationalen Minderheiten im Land — zu entwickeln.
Seine bereits 2022 verfolgte Politik der Vereinnahmung setzte zudem die „Jin, Jiyan, Azadi“-Bewegung unter Druck. Bis heute hat sie keine allgemein anerkannte Sprecherin oder Führung hervorgebracht – nicht zuletzt, weil sie aufgrund ihrer republikanischen und pluralistischen Ausrichtung bewusst auf eine einzelne Führungsfigur verzichtet.
Wirkung auf die iranische Gesellschaft
Ein Teil der Iranerinnen und Iraner – besonders aus der jungen Generation – hat eine Verbindung zu der von Reza Pahlavi vertretenen Erzählung über nostalgische Vergangenheit und Zukunft aufgebaut. Darauf aufbauend haben sie eine eigene politische Identität entwickelt und sehen in seinem politischen Kurs einen möglichen Weg für ihre persönliche Zukunft und die Zukunft Irans.
Gleichzeitig stellen diese Unterstützer:innen nicht die Mehrheit der rund 95 Millionen Iraner:innen dar, davon leben rund 10 Millionen im Ausland. Allein in Deutschland beträgt die Zahl der Iraner:innen in 2025 offiziell rund 319000. Laut Angabe der Münchener Polizei betrug die Teilnehmer:innen der Pahlavi-Demonstration rund 250000.
Laut der Süddeutschen Zeitung überschätzt die Polizei München Teilnehmerzahlen der Pahlavi-Unterstützer-Kundgebung auf der Theresienwiese sechsstellig!
Der laute Monarchismus im Exil entsteht aus einer Kombination von sozial selektiver Migration, Verlust- und Traumabewältigung, nostalgischen Erinnerungen an die Zeit vor 1979, vorhandenen organisatorischen und finanziellen Ressourcen, klarer Symbolik, medialer Verstärkung sowie der Tatsache, dass im Iran selbst keine freie politische Opposition existieren kann. Er sagt daher wenig darüber aus, was die iranische Bevölkerung insgesamt will. Radikale oder autoritäre Strömungen entstehen allerdings häufig dort, wo demokratische Perspektiven blockiert erscheinen.
Bei der Demonstration in München riefen einige seiner Anhänger:innen Parolen wie „Javid Shah“ („Lang lebe der Schah“) oder „Es lebe die Pahlavi-Dynastie“ und „King Reza Pahlavi!“, „Reza Reza Pahlavi, dies ist nationale Parole!“. Viele von ihnen haben die Diktatur unter den Pahlavis vor 1979 selbst nicht erlebt; zudem wurde in manchen Familien wenig darüber gesprochen.
Die noch repressivere Politik der heutigen islamischen Führung hat bei manchen jüngeren Unterstützer:innen den Blick auf die Verbrechen der früheren Monarchie zusätzlich verdrängt. Bei der Pahlavi-unterstützenden Demonstration in München riefen sie außerdem: „Dies ist die letzte Schlacht – Savak kommt zurück!“, „Tod den drei Verdorbenen, Mullahs, Linken und Mojahedin!“
Die fehlende Verurteilung dieser Vergangenheit durch Reza Pahlavi hat eine politische Kultur geschaffen, in der seine Anhänger:innen Kritiker:innen bedrohen, angreifen oder frauenfeindlich sexistisch beschimpfen können, ohne dass er selbst konsequent Verantwortung übernimmt.
Historischer Kontext – Pahlavi-Monarchie
Reza Pahlavi distanziert sich nicht von seinem Vater oder seinem Großvater, der den Schiismus erstmals als Staatsreligion etablierte. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater verliehen den Ayatollahs eine bis dahin nie dagewesene Machtfülle. Als Mohammad Reza Schah 1941 an die Macht kam, gab es im Iran etwa 300 Moscheen; 1979 waren es rund 53.000 Moscheen, schiitische Vereine und Institutionen.
Das Regime von Mohammad Reza Pahlavi gehörte laut Amnesty International in den 1970er-Jahren zu den schlimmsten Menschenrechtsverletzern weltweit. Folter, politische Morde und systematische Repression durch den Geheimdienst SAVAK waren fest in der Staatsstruktur verankert. Viele Mitglieder von SAVAK dienten sich nach der Machtübernahme durch Ruhollah Khomeini in 1979 der islamistischen Republik an.
Politische Analyse – Strategie und Gefahren
Ohne eine klare und umfassende Strategie zum Sturz des Regimes wird Pahlavi allein kaum in der Lage sein, das Potenzial seiner Anhänger:innen wirksam zu bündeln. Stattdessen besteht die Gefahr, dass diese Kräfte erschöpft und politisch wirkungslos werden. Auch Hoffnungen auf eine ausländische Militärintervention oder Berichte über angebliche Massenaustritte aus den Reihen des Regimes und der Revolutionsgarden stellen keine tragfähige Strategie dar – zumal die Frage bleibt, wo diese angeblich ihm unterstützenden Revolutionsgarden während der Massaker im Januar 2026 waren.
Zugleich ist die iranische Gesellschaft vielfältig und politisch pluralistisch. In den letzten Jahren lässt sich eine Renaissance säkularer und demokratischer Strömungen beobachten, die sich gegen autoritäre Kultfiguren, patriarchale Strukturen und regionalen Einfluss positionieren.
Ohne breiten nationalen Zusammenhalt, der gegen eine erzwungene Einheit gerichtet ist, erscheint ein grundlegender politischer Wandel kaum erreichbar. Pahlavis jüngste Äußerungen lassen jedoch Zweifel daran aufkommen, dass er auf Pluralität und Kooperation setzt.
In ihrer derzeitigen Form weist die monarchistische Bewegung – insbesondere ihre Führung – populistische, nicht unabhängige und autoritäre Züge auf. Dies stellt aus Sicht vieler Beobachter:innen eine ernstzunehmende Herausforderung für die demokratische und emanzipatorische Bewegung im Iran dar.
Internationale Reaktionen
Am 13.02.2026 in München, am Rande der MSC, stellte Christiane Amanpour (CNN) in einer Diskussionsrunde dem politisch einflussreichen republikanischen Senator Lindsey Graham – der sich kürzlich auch mit Reza Pahlavi in Washington D.C. getroffen hatte – folgende Frage: „Ich weiß, dass Reza Pahlavi unter den Anwesenden sitzt. Erklären Sie Ihre Unterstützung für Reza Pahlavi? Sind Sie bereit zu sagen, dass er die Person ist, die die Vereinigten Staaten – oder Sie selbst als ranghoher republikanischer Senator – unterstützen?“ Graham antwortete: „Nein!“…
Unter den Rednern in München war auch der Publizist Michel Friedman, der erklärte: „Ein Regime, das für Terrorismus steht, gehört abgesetzt.“ Er warf der iranischen Regierung vor, „den Islam und den Koran zu missbrauchen“. Seit 47 Jahren würden im Iran im Namen Gottes Millionen Menschen unterdrückt, während die Welt nur zuschaue. Friedman forderte die Isolation der Machthaber im Iran und ein Ende der Handelsbeziehungen. „Ein Regime, das für Terrorismus steht, gehört abgesetzt“, rief er erneut und betonte: „Der Iran mit diesem Regime darf niemals Atomwaffen besitzen.“ Zudem verurteilte er die Unterstützung des Regimes für Hamas und Hisbollah gegen Israel scharf.
Es ist bedauerlich, dass auch einige deutsche Freund:innen kritiklos – aus vermutlich Frustration – Reza Pahlavi auf der Kundgebung oder in sozialen Medien als Hoffnungsträger für den Iran feiern und unterstützen. Die Vehemenz, mit der jene angegriffen werden, die es wagen, das „Shah-Ticket“ zu kritisieren, erinnert an die Nachkriegszeit, als Teile der deutschen Öffentlichkeit und Medien den Shah, den Vater von Reza Pahlavi, als ihren Ersatzkaiser feierten.
Dass derzeit insbesondere deutsche Verbündete der iranischen Freiheitsbewegung das Pahlavi-Ticket verkaufen wollen und behaupten, er allein sei „israelfreundlich“ und die einzige überlebensfähige Alternative, ist eher einer tragischen Frustration angesichts der niedergeschlagenen Aufstände der letzten Jahrzehnte geschuldet als einem auf Maximalforderungen orientierten Recht auf Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung für alle im Iran lebenden Menschen gegen den antisemitischen religiösen Mullah-Faschismus.
Axel-Springer und die Unterstützung für Reza Pahlavi: Zwischen Lobbyarbeit und Spaltungsgefahr
Am Freitagabend veranstaltete der Axel Springer Verlag am Rande der Münchener Sicherheitskonferenz unter dem Motto „Nacht der Freiheit“ ein Event, zu dem zahlreiche deutsche und westliche Politiker:innen und Unternehmer eingeladen wurden.
Es ist das Recht eines Medienunternehmens, ein solches Lobby-Essen auszurichten und politische Persönlichkeiten zu fördern — in diesem Fall seinen Lieblingsshah für den Iran, Reza Pahlavi oder seine Unterstützer, die sogenannten „Jubelperser“. Wichtig ist jedoch, dass dabei keine Spaltung innerhalb der iranischen Regimegegner-Gruppen erzeugt oder diese geschwächt werden. Man kann nur sagen: Axel Springer wurde im Umgang mit Reza Pahlavi offenbar falsch beraten.
Photo und dessen persische Beschriftung von Man o To
Emanzipatorischer Appell
Die breite Teilnahme von Iranerinnen und Iranern in verschiedenen Städten weltweit – als Reaktion auf den Aufruf von Reza Pahlavi – stellt für ihn und die monarchistische Strömung einen politischen Erfolg dar und verdient Anerkennung.
Sowohl Reza Pahlavi als auch seine iranischen und deutschen Unterstützer:innen sollten verstehen: Allein die Organisation einer Demonstration am Rande der MSC – ob mit wenigen oder tausenden Teilnehmer:innen – macht niemanden zum legitimen Anführer der vielfältigen iranischen Oppositionsgruppen und der Freiheitsbewegung. Der entscheidende Schritt ist der Sturz des Regimes im Iran, nicht Werbeaktionen oder PR-Kampagnen von Iran International oder ausländischen Regierungen.
Notwendig ist außerdem eine klare Abgrenzung gegenüber jeder Form von Personalisierung und Kultbildung. Keine Kultfigur – egal welcher ideologischen Couleur – darf als politische Heilsfigur inszeniert werden. Das gilt besonders für monarchistische Ersatzphantasien, die von nationalkonservativen oder rechtspopulistischen Kreisen in den USA, Deutschland oder im Hintergrund von Golf-Monarchien, insbesondere Saudi-Arabien, unterstützt werden. Letztere würden alles tun, um eine von Frauen geprägte Revolution im Iran zu verhindern.
Gleichzeitig existieren auch innerhalb der iranischen Gesellschaft selbst starke patriarchale, nationalistische und konservative Kräfte – sowohl innerhalb als auch außerhalb des Regimes – die einer tiefgreifenden feministischen und pluralistischen Transformation entgegenstehen.
Die iranische Opposition ist kein Projektionsraum für autoritäre Sehnsüchte, sondern Teil eines emanzipatorischen Kampfes gegen religiösen Faschismus.





