ARD: „Vater“ der „Nation“ und Illusionen
Reza Pahlavi, Generation Z und die Aneignung eines Aufstands
Diese Revolution gehört den Töchtern, nicht den Vätern!
Mein Gesicht des Widerstandes, der iranischen Opposition und künftigen Demokratie ist!
Timeline
Zunächst muss ich einige gegen mich erhobene Vorwürfe richtigstellen. Ich habe lange Jahre Seite an Seite mit Monarchisten gegen das Regime im Iran demonstriert. Sie waren jederzeit bei den von mir initiierten Demonstrationen willkommen. Ich habe mich außerdem mit öffentlicher Kritik am Sohn des Shahs und seinen Anhängern zurückgehalten und bin der Überzeugung, dass viele von ihnen eine tatsächliche Demokratie anstreben. In den letzten Jahren im Laufe der Jin Jiyan Azadi- Proteste in 2022 jedoch kamen aus seinen Reihen, unter anderem von seiner Frau, zunehmend diffamierende Aufrufe gegen andere Oppostitionsgruppen, inbesondere Linke und Kurden, denen mehr als einmal die Tötung angedroht wurde. Auf Shah-Demonstrationen wurden von ihm loyalen Teilnehmern als Gegner Identifizierte beleidigt und gar körperlich angegangen, wurde die Reetablierung des Geheimdienstes SAVAK gefordert und sein Alleinherschaftsanspruch gestellt. Erst nachdem diese Kampagne eskalierte, habe ich mich gezwungen gesehen, auf deren Gefahren aufmerksam zu machen. Wer meine Berichterstattung verfolgt, kann ihr diese Timeline unschwer entnehmen.
Mir vorzuwerfen, ich habe mit “der Spaltung der iranischen Opposition” begonnen und sei der Einzige, der sie vorantreibe, kann falscher nicht sein. Ich bitte auch darum zu bedenken, dass im Exil unzählige noch vom Shah-Vater, von dem Pahlavi sich so wenig wie von seinem Großvater distanziert hat, verfolgte Iraner:innen leben, denen die Rufe nach dem Tod der Linken und Kurden und Modjahedin eine Rückkehr in einen vom Sohn des Shahs regierten Iran unmöglich machen.
Pahlavi kann sich wie alle Iraner:innen um die Regierung nach dem Sturz der Mullahs bewerben, mit einem bisher von ihm nicht vorliegenden zuverlässigen Programm für eine inklusive Demokratie und einer Partei. Mehr steht niemandem zu, sonst ist die Spaltung mit dramatischen Folgen vorprogrammiert.
Anders als ihm nahe stehende Personen habe ich niemandem Verfolgung und Gewalt, die mir zutiefst widerstreben, angedroht. Und mein Gesicht des Widerstandes, der iranischen Opposition und künftigen Demokratie ist Jina Masa Amini.
Zu den Gründen meiner Ablehnung
Als seit Jahrzehnten im deutschen Exil lebender Sprecher der oppositionellen Green Party of Iran sowie als politische Vertretung des Oppositionsbündnisses “Broad Solidarity for Freedom and Equality in Iran” in Deutschland stehe ich an der Seite der Jin-Jiyan-Azadi-Bewegung und jener iranischen Bevölkerung, die Freiheit, Frauenrechte und universelle Menschenrechte und Gleichberechtigung gegen das klerikalfaschistische Gender-Apartheid-Regime einfordert und dafür auf die moralische und politische und mediale Unterstützung der internationalen Öffentlichkeit angewiesen ist.
Gerade aus dieser Verantwortung heraus sehe ich es als politische und moralische Pflicht, die Aussagen Reza Pahlavis in seinem Interview mit der ARD kritisch zu analysieren und öffentlich zu hinterfragen. Dies geschieht nicht aus persönlicher Gegnerschaft, sondern aus der Überzeugung, dass jede Führungsbehauptung, die im Namen eines gesellschaftlichen Aufbruchs spricht, demokratischer Kritik standhalten muss.
Mir ist bewusst, dass diese Kritik Angriffe nach sich ziehen wird – sowohl durch Teile seiner iranischen Anhängerschaft als auch durch deren Unterstützer:innen in Deutschland. Diese Reaktionen bestätigen jedoch weniger die Stärke des kritisierten Projekts als vielmehr dessen autoritäres Verständnis von politischer Loyalität und öffentlicher Debatte.
Mediale Bühne ohne Widerspruch
In einem Interview vom 23. Januar 2026 präsentierte sich Reza Pahlavi erneut als Sprecher einer Revolution, die er weder initiiert noch getragen hat. Wie so oft blieben seine Aussagen in großen internationalen Medien weitgehend unwidersprochen. Diese Form der Berichterstattung ist nicht neutral. Sie verleiht einem Akteur Legitimität, der politische Führungsansprüche erhebt, ohne sich einer kritischen Auseinandersetzung zu stellen. Statt Aufklärung entsteht Nachgeben – gegenüber einem Projekt, das von Nostalgie, Personalisierung und Geschichtsverdrängung lebt.
(https://youtu.be/sfd2hNuK498?si=qVCrOK4hkR-6om99)
Pahlavi erklärte, man befinde sich in einer Revolution und in einem „Krieg ohne Rückkehr“ gegen das Regime. Diese Rhetorik ersetzt Analyse durch Dramatik. Sie simuliert Entschlossenheit, wo politische Leere herrscht, und dient vor allem der Selbstinszenierung als unvermeidliche Figur eines Umbruchs, der tatsächlich von anderen gesellschaftlichen Kräften getragen wird.
Krieg als Abkürzung
Besonders deutlich wird diese Verantwortungslosigkeit in Pahlavis Haltung zu einer möglichen militärischen Intervention der USA. Ob diese tatsächlich auf einen Regimewechsel abzielt oder – wie im zwölftägigen Krieg – lediglich als Druckmittel für neue Verhandlungen durch Donald Trump instrumentalisiert würde, bleibt bei Pahlavi unerwähnt. Ein Angriff auf die Revolutionsgarden, so seine Aussage, würde dem Aufstand helfen; jetzt sei der richtige Zeitpunkt, Trump wisse das.
Ein selbst kurzer militärischer Angriff erscheint hier nicht als letztes Mittel, sondern als möglicherweise ersehnte Abkürzung zur Macht. Die katastrophalen Erfahrungen aus Irak, Libyen oder Afghanistan werden ebenso ausgeblendet wie die sozialen, ethnischen und politischen Bruchlinien der iranischen Gesellschaft. Auch bleibt unerwähnt, dass externe Militärschläge unter den nationalistischen sowie sozio-religiösen Bedingungen Irans autoritäre Strukturen eher stabilisieren als überwinden könnten – ebenso wie die mögliche weitere Rekrutierung antizionistisch-antisemitischer und antiimperialistischer Milieus im Westen zugunsten des Regimes.
Eine wirksame Verteidigung gegen das islamistische Regime kann nur im Rahmen einer international legitimierten antifaschistischen Front erfolgen, getragen von einer demokratischen iranischen Opposition, die die reale Vielfalt der Protestbewegungen repräsentiert – einschließlich nationaler und ethnischer Minderheiten sowie der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Jede militärische Maßnahme müsste international legitimiert, politisch eingebettet und idealerweise vom UN-Sicherheitsrat getragen sein.
Pahlavis Appell an eine unilateral gedachte Intervention steht dem entgegen. Er verweist weniger auf Sorge um die iranische Gesellschaft als auf das Fehlen eines eigenen politischen Projekts im Inneren des Landes. Wer keine soziale Verankerung besitzt, setzt auf äußeren Krieg. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck struktureller Schwäche – und birgt zugleich die Gefahr, vom Regime propagandistisch gegen Israel, die USA und die Protestbewegung instrumentalisiert zu werden.
Nicht umsonst hat sich Israel gegen militärische Schläge zum jetzigen Zeitpunkt ausgesprochen.
Geschichte ohne Schuld
Auf die Frage nach der Gefahr eines neuen Totalitarismus reagierte Pahlavi ausweichend. Er sprach über Jahrzehnte im Exil, über demokratische Standards und über Institutionen, die er aufbauen wolle. Nichts davon hat er vorbereitet. Es existiert kein kohärentes Programm. Was er außerdem vermied, war die Auseinandersetzung mit der Geschichte seiner Familie. Dabei ist diese Geschichte gut dokumentiert. Amnesty International bezeichnete das Regime Mohammad Reza Pahlavis in den 1970er Jahren als eines der schlimmsten Menschenrechtsverletzer weltweit. Folter, politische Morde und systematische Repression waren keine Ausnahmen, sondern Herrschaftspraxis. Während sich die Teile der Linken und Intellektuellen durchaus mit ihrer Rolle in der Machtübernahme Khomeneis auseinandergesetzt haben, tat er dies in Hinsicht auf seinen Vater und seinen Großvater und deren Diktaturen nicht.
Pahlavis politische Identität und Bekanntheit speisen sich genau aus dieser Vergangenheit: aus Titel, Abstammung und der symbolischen Aufladung der Monarchie. Zwar trägt er keine persönliche Schuld an den Verbrechen des Regimes, doch selbst eine indirekte moralische Verantwortung oder eine klare politische Distanzierung bleibt aus. Demokratie wird so zur bloßen Behauptung, nicht zum bewussten Bruch mit autoritären Traditionen – auch gegenüber der deutschen Öffentlichkeit und Politik.
Wahlen als Kulisse
Zwar spricht Pahlavi von Wahlen und davon, dass die Wahlurne entscheiden solle. Doch diese Rhetorik widerspricht seinem eigenen politischen Handeln. Bereits 1980 erklärte er sich in Kairo selbst zum König und bestimmte seinen Nachfolger. Legitimität erwächst für ihn nicht aus politischer Zustimmung, sondern aus männlicher Abstammung. Wahlen erscheinen in dieser Logik nicht als Ausdruck von Volkssouveränität, sondern als nachträgliche Bestätigung eines vorab festgelegten Anspruchs.
Wer so argumentiert, denkt nicht republikanisch, nicht demokratisch-föderal, sondern zentralistisch und hierarchisch. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob eine Monarchie per Referendum bestätigt werden könnte, sondern warum ein historisch diskreditiertes und strukturell diskriminierendes Herrschaftsmodell überhaupt als gleichwertige Option neben einer demokratischen Republik präsentiert werden soll.
Radikalisierte Anhängerschaft und autoritäre Signale
Die politische Praxis des Pahlavi-Lagers verschärft diese Widersprüche. Monarchistische Netzwerke im Exil haben den gesellschaftlichen Minimalkonsens aufgekündigt: durch – wie eingangs erwähnt – Hetze gegen andersdenkende Linke, Kurd:innen und Frauen, durch die systematische Unsichtbarmachung der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ sowie durch offen artikulierte Gewaltfantasien. Parolen wie „Tod den drei Verdorbenen – Mullahs, Linke, Mujahedin“ sind Ausdruck dieser Radikalisierung.
Nach der Ausstrahlung des ARD-Interviews geriet auch die Interviewerin selbst ins Visier monarchistischer Pahlavi-Anhänger:innen. In sozialen Medien wurde sie massiv beleidigt, weil sie Reza Pahlavi weder als „Prinz“ noch mit monarchischen Ehrentiteln ansprach.
Besonders alarmierend ist Pahlavis eigene Aussage, 50000 Mitglieder der Revolutionsgarden und der Armee stünden über anonyme Kanäle/Code mit ihm in Kontakt. Wo waren diese Akteure, als Sicherheitskräfte am 9. und 10. Januar 2026 in Teheran, Mashhad und anderen Städten zehntausende Demonstrierende brutal angriffen? Hinzu kommen Propaganda und Überlegungen zur Wiederbelebung des Geheimdienstapparats SAVAK. Wer könnte unter solchen Bedingungen im Iran sicher leben? Anhänger:innen Pahlavis rufen offen: „Dies ist die letzte Schlacht – SAVAK kommt zurück.“
https://www.cnn.com/2026/01/23/world/video/iran-united-states-airstrikes-lead-jake-tapper)
Der Vergleich mancher Pahlavi-Unterstützer im Westen mit europäischen Monarchien ist irreführend. Iran ist nicht Schweden oder Spanien. Dort existieren keine „Javid-Shah“-Parolen, keine dynastischen Heilsversprechen und keine Gewaltaufrufe monarchistischer Netzwerke. Wer im westlichen Wohlstand lebt und von dort aus eine autoritäre Restauration für den Iran propagiert, betreibt politische Anmaßung.
„Millionen rufen mich“
Auf Zweifel an seiner Popularität reagiert Pahlavi mit einer bekannten Behauptung: Millionen hätten seinen Namen gerufen, die Generation Z nenne ihn „Vater“. Mit dieser Erzählung eignet er sich die Proteste der letzten Jahre an und macht sich zum Zentrum einer Bewegung, deren Akteur:innen er nicht benennt. Im letzten Jahr kündigte er an, sich zurückziehen zu wollen, weil die Iraner:innen ihn nicht lautstark genug unterstützten. Dass dies der Startpunkt einer großangelegten Medien-Kampagne war, war schon damals offensichtlich. Wenige Monate darauf erklärte er, ohne dies nachzuweisen, er sei nun zufrieden mit seinen Unterstützern und Millionen hätten nach ihm gerufen.
Pahlavi spricht nicht über Frauen, Studierende oder Arbeiter:innen. Die Parolen „Frau, Leben, Freiheit“ und „Weder Schah noch Führer – Freiheit und Gleichheit“ kommen nicht vor. Proteste in Kurdistan, in belutschischen Regionen oder unter arabischen Minderheitengruppen, die sich explizit gegen jede Form monarchischer Herrschaft richten, werden ausgeblendet oder als „Separatismus“ diffamiert.
Generation Z als Projektionsfläche
Dass sich Pahlavi ausgerechnet auf die Generation Z beruft, ist zynisch. Diese Generation kennt ihn kaum – weder politisch noch biografisch –, sondern vor allem durch einseitige mediale Darstellung etwa bei Iran International oder Man o To. Sie ist mit Repression, digitaler Kontrolle, sozialer Unsicherheit und staatlicher Gewalt aufgewachsen. Ihre Radikalität richtet sich gegen jede Form autoritärer Herrschaft – monarchistisch wie klerikal-republikanisch.
Pahlavi, 66 Jahre alt, steht für ein System, das die überwältigende Mehrheit dieser Generation ablehnt. Unter einer Mullah-Diktatur und umfassender Zensur lassen sich zudem keine unabhängigen, neutralen Meinungsumfragen durchführen.
Indem Reza Pahlavi die Wut, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit dieser Generation politisch für sich verbucht, betreibt er symbolische Enteignung. Sozialer Protest wird in dynastisches Kapital verwandelt.
Ein Projekt ohne Gesellschaft
Das politische Projekt Reza Pahlavis leidet nicht an mangelnder medialer Präsenz, sondern an gesellschaftlicher Isolation. Es gibt kein tragfähiges Netzwerk im Inneren des Landes, keine demokratischen Strukturen, keine Rechenschaftspflicht. Stattdessen dominieren Appelle an den Westen, an Sanktionen und an militärische Gewalt. Das ist kein Befreiungsentwurf, sondern ein Elitenprojekt ohne soziale Basis – auch innerhalb der vielfältigen oppositionellen Landschaft und unter politischen Gefangenen.
Die iranische Gesellschaft fordert Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung. Die Mehrheit fordert eine Republik, keine Rückkehr zur Vergangenheit. Wer diese Forderungen ignoriert, Proteste instrumentalisiert und Geschichte verdrängt, steht nicht an der Spitze eines Aufstands. Er steht daneben.
Kazem Moussavi

